Aktuelles von Ulrike Reisiger


Lieber Besucher,

auf dieser Seite anderen Menschen entgegenzuschreiben, ist für mich eine unsichere Wanderung in's Blaue. Ich kenne weder richtigen Weg noch Ankunftsort, weiss nur: Bewegung ist wichtig!
So mag es vorkommen, dass manche Route stockt, schon vor ihrem Ziel abrupt endet, und eine neue vielleicht ihren Anfang nimmt.
Unterwegs spüre ich der Welt, auch mir selber ein wenig nach, und mit der Zeit, so hoffe ich, werde ich manchen Besucher entdecken, der mich auf meiner Wanderung begleitet. Herzlich willkommen!




Was bleibet aber, dichten die Stifter

Recht früh, nicht gerade frisch sitze ich mit Rainer Rappmann beim Morgentee und lasse mir kurz erzählen, was auf dem Achberg so los ist, dann geselle ich mich zu Traudi, Jens und ihrer Frage, ob im neuen Friedwart-Prospekt tatsächlich lobend erwähnt werden soll, dasz die Zimmer weder über TV noch Internet-Anschlusz verfügen. Gegenstand und Verlauf der Diskussion entbehren nicht einer gewissen Komik, aber der Vormittag geht dahin, ich gehe daher auch, schaue kurz in der Buchhandlung rein und dort in das neue Buch von Selg über Rilke, mache einen Abstecher zur Gärtnerei, will noch Giovanna und Thomas bei der Medizinischen Sektion besuchen, treffe dort aber nur auf den unbewegten Rücken eines mir unbekannten Wesens, kehre zurück, um mit Traudi im Garten bei zwei weiteren Tassen Tee die Problematik weiblichen Seins in Bezug auf männliche Menschen zu erörtern, dann musz ich auch schon wieder los.
"Was bleibet aber, stiften die Dichter", ist das Motto der Tagung über Leben und Werk Friedrich Hölderlins. Ja, ich nehme an einer Tagung am Goetheanum teil, erstmalig. Und letztmalig. Aber das weisz ich an diesem Tag ja noch nicht. Das wissen nur meine lieben Freunde in Dürnau, die mir, je nach Temperament, mit ratlosem Gesichtsausdruck, Stirnrunzeln oder Lachanfällen bereits zu verstehen gaben, was sie davon halten: "Dölerich Hirnfidler? Am Goetheanum?? Na dann, du wirst ja wissen, was du tust."
Begrüszung und erster Vortrag finden nicht ganz oben, sondern in der Halde statt. Zum Glück, denn es ist furchtbar schwül, Gewitterstimmung, und dieses Hügel rauf und Hügel runter hatten schon am Vormittag Gedanken über demnächst doch mal nötiges fitness-Training in mir freigesetzt.
Also in der Halde. Gut. Mit Ute Oelmann, die morgen über Hölderlins späteste Gedichte vortragen wird, sitze ich vor dem Saal, wir rauchen noch eine Zigarette und ich sehe mir die ankommenden, überwiegend nicht mehr grau- sondern schon weiszhaarigen Tagungsteilnehmer an. "Hölderlin ist wohl doch eher etwas für ältere Menschen", sinniere ich laut. "Ganz Im Gegenteil, ich erlebe immer wieder in meiner Arbeit, wie sehr die Jugend an ihm interessiert ist", wird mir entgegengehalten. Ein Blick auf meine Uhr, es sind noch fünf Minuten bis zum Beginn. "Na, dann musz die interessierte Jugend aber jeden Moment eintreffen."
Damit findet das Gespräch sein Ende - die Tagung nimmt ihren Anfang.
Rund siebzig Menschen füllen den Saal. Es ist, wie gesagt, schwül. Die Fenster werden geschlossen, wir werden eine halbe Stunde lang begrüszt und eingeführt, dann spricht Eckart Förster über "Hölderlin und das Ende der Philosophie". Wir hören von Eleusis als letztem wunderbaren Ausläufer der griechischen Mysterien, darüber wie Hegel versuchte, die Bilder dieser Mysterien zu erfassen und natürlich über die Aufführung (Schuré) vor genau 100 Jahren in München.


"Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" wird uns vorgestellt. Der Urheber des Textes, mit welchem Schillers Ästhetische Briefe möglicherweise eine Erweiterung erfahren sollten, ist in der Welt der Experten umstritten: Hegel? Schelling? Oder Hölderlin? Förster vertritt die Minderheitenmeinung: Hölderlin. Er beschreibt Hölderlins Zugang zum Griechentum, zur platonischen Weltanschauung, beschreibt das Wiederauftauchen der Mysterienthemen im deutschen Idealismus, den Kontext zu Hegel und Schelling, die mit Hölderlin im Tübinger Stift leben und mit der Losung: "Reich Gottes" voneinander scheiden. Wir hören auch, dasz wir das Ich nur zur Anschauung bringen können, indem wir es mit dem Ich ergreifen; dasz wir beim Denken über das Ich also mit einem Fusz in der geistigen Welt, mit dem anderen in der empirischen, der Alltagswelt stehen und in der Spannung zwischen beidem unsere Aufgabe, das Angleichen der beiden Welten, erkennen.
Die meisten der Zuhörer schreiben eifrig mit. Seltsam, denke ich, spätestens jetzt sollten wir doch ein lebendiges Gespräch führen. Ich blättere das Tagungsprogramm, das mir als Fächer dient, noch einmal durch. Sind lebendige Gespräche etwa gar nicht vorgesehen? Geht's hier nur um Wissensvermittlung? Darf ich selber gar nichts tun? Ich bekomme ein ungutes Gefühl. Etwas spät für solche Fragen, jetzt häng ich eben drin. Aber ich beruhige mich: was auch geschieht, es gibt einen strahlend hellen Lichtblick in dieser Veranstaltung und das ist die Aufführung der "Orestie" am heutigen Abend. Griechische Tragödie, viereinhalb Stunden lang! Darauf freue ich mich schon seit Wochen wirklich sehr. Seelenbilder erwarte ich zu sehen, aufwühlende, erkenntnisstiftende, - das wird sicher ein richtig schöner Abend.
Der Vortrag von Herrn Förster endet, Stifte und Notizbücher werden sorgsam eingepackt, denn was man schwarz auf weisz besitzt... der überwiegende Teil der Zuhörer scheint es recht weit bis nach Hause zu haben, er verläuft sich erstaunlich schnell.
Zwei Stunden später gehe ich zur Aufführung der "Orestie".


Aufgeführt wird im Schreinereisaal. Es ist also schwül. Die Temperatur hier liegt bei ca. 30 Grad als ich eintrete und die Luftfeuchtigkeit läszt mich einmal mehr an diesem Tag bedauern, kein tropischer Schmetterling zu sein; das ist aber steigerungsfähig, wie ich bald feststelle. Nachdem auch der letzte Platz besetzt, das letzte Dachfenster geschlossen und verdunkelt ist, werden gleich in der ersten Szene vier Weihrauchbecken in heiliger Handlung entzündet um im weiteren Verlauf den Saal in stickigen, stinkenden Qualm zu hüllen. Meine Nachbarin japst bedenklich, lächelt mich aber beruhigend an. Mir macht das Mut: wenn sie das durchsteht, dann ja vielleicht auch ich.
Auftritt der Sprechchor der Greise. Sie sprechen uns vom Beginn der Geschichte, die ich, brav und gut vorbereitet, natürlich kenne. Zum Glück, denn die Deutlichkeit des Chores läszt zu wünschen übrig. Die Männer also sprechen, sogar oft im Chor, und sie sprechen sehr lange. Ich betrachte das Bühnenbild - schön schlicht gestaltet. Ich betrachte die Schauspieler - ahja, einen sah ich doch auch in der Minna von Barnhelm. Die Männer sprechen. Immer mal wieder betrachte ich auch vorsichtig meine Nachbarin - es geht ihr wohl. Die Männer sprechen. Manchmal gehen sie einige Schritte dazu. Ulrike, ermahne ich mich, du wolltest doch etwas Schönes erleben, bleib offen, verdirb dir nicht schon in der ersten halben Stunde alles mit deiner Rumkrittelei.
Ich bleibe also offen.
Auftritt Klytämnestra. Ich bemerke, wie bei aller Offenheit mehr und mehr alles Lebendige aus mir herausgesogen wird und Leere sich ausbreiten will. Sollte das nicht anders herum laufen? Verstehe ich etwas nicht? Bin ich zu unsensibel? Nicht genügend geschult? Warum erlebe ich nichts? Die Orestie hat mich doch vorher so gefesselt. Ich könnte heulen. Ich bin wirklich verzweifelt über meine Unfähigkeit jetzt und hier Groszes wahrzunehmen. Dann, kurz vor Ende des ersten Teils, trifft mich bei der Ermordung Agamemnons ein Satz bis ins Mark:
Und er sinkt in die Wasser der Wanne.
Er sinkt in die Wasser der Wanne.. auch ich möchte am liebsten versinken und in mir schreit es: Neeiiiin!!!
Ich weisz bis heute nicht, was an ausgerechnet diesem Satz mich so niederschmettert. Es ging zu schnell. War es das Satzbild? War es der Sprecher? Keine Ahnung, ich weisz nur, das Geschehen auf der Bühne ist durch und durch hohl.

Ende des ersten Teils. Pause. Ich nutze sie, um meine Nachbarin zu fragen, wie ihr die Aufführung gefällt. Sie überlegt lange - und das liegt nicht daran, dasz sie aus Bern kommt - sie druckst herum, schaut mich an und sagt schlieszlich nur: wissen Sie...ich bin mir nicht sicher...aber... ist DAS denn das, was wir heute brauchen? Nach dem zweiten Teil ist sie sicher denn zum dritten erscheint sie nicht mehr.
Den zweiten Teil sehe ich etwas entspannter. Entspannt genug jedenfalls, um bei einer eigentlich dramatischen Szene lauthals zu lachen, so aufgesetzt wirkt sie auf mich. Mehrere Köpfe aus dem Publikum fliegen irritiert zu mir herum, was mich völlig unberührt läszt, denn ich habe etwas entdeckt. Ich bin gar nicht unsensibel. Ich wundere mich nun überhaupt nicht mehr, dasz ich nichts erlebe: es gibt nichts zu erleben. Das menschliche Leid, die ganze Dramatik um Rache und Gerechtigkeit, können mich gar nicht ergreifen, so schlecht werden sie dargestellt. Leider auch und gerade von der Darstellerin der Klytämnestra, die ihre nicht erlebte Qual über die Opferung ihrer Tochter Iphigenie durch lautes Schreien zu überdecken versucht. Die ursprüngliche Grösze der Klytemnästra, den Schmerz und das Leid, das sie durchleben musz, hat sie nicht in sich und kann daher auch nichts davon vermitteln. Stattdessen röhrt sie in einer Art und Weise, dasz es mir peinlich ist, dem beizuwohnen. Platzhirsche - gibt's anscheinend auch bei Frauen. Hier jedenfalls stellt die Schauspielerin sich selber dar, nicht aber die Klytämnestra.
Zutiefst beeindruckt hat mich Maike Maas, über die ich am nächsten Tag hörte, sie sei noch Studentin an der Schauspielschule am Goetheanum und in der Rolle als Chorführerin für eine kranke Kollegin eingesprungen.
Die Intensität mit der sie als Chorführerin der Dienerinnen Orest dazu auffordert nun endlich zu handeln, ihre wunderbar klare, kraftvolle Sprache, nie eine Geste übertrieben oder an falscher Stelle, auch im Chor der Erinyen nicht,...da wurde Echtes auf den Boden geholt, da wurde ich angesprochen und berührt. So hätte ich gerne die ganze Orestie erlebt, dann wäre sie wirklich ein Lichtblick auf dieser Tagung gewesen. Aber so ist das mit den Lichtblicken. Um es mir Moers zu sagen: das Licht am Ende des Tunnels ist oft nur eine sterbende Leuchtqualle.